JOSEPH BEUYS  SOZIALE PLASTIK  DENKEN=PLASTIK  PLASTIK:=ALLES

 
   
           
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FIU, Joseph Beuys, Kassel 1977 [WP©]  
   
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Über Fett, Honig und anderes


Um eine Denkform entstehen zu lassen, die sich allmählich ausbreitet, um schließlich umfassend zu werden, müsste man veränderliche Bezugsebenen zusammenspielen lassen. Alle Aktivitäten von Beuys variieren zwischen dem Sublimen und dem Lächerlichen. Diese zwei gegensätzlichen Elemente sind in seinen Schriften und in seinen Äußerungen gegenwärtig. Es handelt sich dabei um einen bewussten Prozess: um ein anderes Mittel, das dazu dient, den Unterschied zwischen äußerer Realität und <<wirklicher Realität>> hervorzuheben. Dieses Verfahren soll vorgefasste Ideen von der Struktur und der Form in der Kunst, Erfahrung und Gesellschaft hinterfragen. In den Zeichnungen fließen die Bezugsebenen organisch, zwar gedanklich verbunden, aber doch frei assoziierend wie in „ Finnegan’s Wake“ i). Und gleichzeitig sind sie ein Abbild der Dualität der menschlichen Existenz: Körper und Seele. Diese Dualität könnte in einer dialogischen Beziehung, oder einem Gleichgewicht aufgelöst werden; stattdessen entsteht aber öfter ein zerstörerischer Konflikt, weil der Mensch immer noch unfähig ist, sich von außen zu betrachten. Beuys stellt dies in einem Diagramm dar: Die Pflanze hat ihre Wurzel (Seele) im Boden und ihre Sexualorgane (Blume und Frucht) streben vertikal nach oben. Im Tier sind diese beiden Bereiche horizontal, d.h. parallel zum Boden, angelegt. Möglicherweise lässt sich die Antwort an der Biene veranschaulichen, wenn man ihr Vorderteil als Sinnbild des geistigen Menschen versteht und den Hinterteil mit dem Stachel als den irdischen Körper, während die dünne Verbindung dazwischen ein Gleichgewicht zwischen Körper und Seele bildet.
Körper Geist und Seele können harmonisch in einer Form als Gefühl, Denken und Wille koexistieren. Dasselbe gilt für sie Polarität von warm und kalt, männlich und weiblich aktiv und passiv. Diese Zwitterhaftigkeit erscheint immer und immer wieder als Ausdruck von Totalität. Sie existieren in der zweigeschlechtlichen Figur oder in den Frauen, die ein aktives und ein passives Element besitzen: eine klare Form und eine undefinierbare, ein Stein und ein Netz. Es handelt sich um jene Dualität, die in Legende und Sage oft mit dem Schwan in Verbindung gebracht wird: die Vereinigung eines harten, muskulösen Halses und einem weichen, runden Körper.

Vom zwitterhaften Zustand nie weit entfernt ist das Fließende der merkurialen Bewegung. Quecksilber ( Mercurius) ist der Katalysator, der den Übergang von einem Zustand in einen anderen bewerkstelligt. Es kann auch Gegensätze vereinen, indem es feminines Kupfer mit maskulinem Eisen verbindet. In der Astrologie und der Alchemie kann ein merkurisches Wesen von einem Zustand in einen anderen übergehen. Keines der Tiere aus der Beuys’schen Menagerie ist bloß erfunden, jedes ist eine Legende, Mythos und Folklore mit dieser merkurischen Eigenschaft ausgestattet: sowohl der Hase, der Hirsch wie der Schwan repräsentieren Beweglichkeit und Inkarnation im ganzen eurasischen Raum. Später übernimmt die Verwendung von Fett als Material eine ähnliche Rolle wie die des Quecksilbers: Fett verkörpert das Energiepotential und die Veränderung eines Zustands in einen anderen durch Hitze. Filz ist ebenfalls nie statisch: weil dieser Stoff aus zusammengepresstem Material (Hasenfell) hergestellt ist, gibt es weder Längs- noch Querfäden. Aus diesem Grund wird er zum beweglichen Isolator.

Der Übergang von einem Zustand in einen anderen und die Umwandlung von chaotischer Energie in Bewegung und schließlich in organisierte Form sind unsichtbare Abläufe die sich nur sehr schwer in eine sichtbare Form übertragen lassen. Die Hand und der Verstand, die den Bleistift führen oder das Material arrangieren, müssen mit den Kräften, die ausgedrückt werden sollen im Einklang stehen. Die Zeichnungen wie die environments vermitteln dieses Gefühl des Übergangs von einem Zustand in einen anderen: das Gefühl, dass etwas aus diesem Material entstehen müsse, ähnlich der ständigen Verwandlung von Wind, Wasser, Wolken und Rauch (in der Nähe des „Eurasia“- Raums in Darmstadt befindet sich ein schweres Eisenblech, das sich alle sechs Monate um fünf Zentimeter vorwärtsbewegt).

Dieser Eindruck wird in den frühen Zeichnungen eher bildlich als materiell vermittelt, und das war einer der Gründe, weshalb die Form erweitert werden musste, zuerst über die Zeichnung als solche und dann über die feste Materie hinaus zur Bildung von Sprache. In den Zeichnungen wird der Übergang von einem Zustand in einen anderen oft dargestellt als ein Vorgang der Metamorphose: des Menschen in einen Berg, der Seele in eine Biene. Eine ähnliche Vorstellung von dieser Austauschbarkeit findet sich bei Novalis und Goethe: wenn Gott zum Menschen würde, so könnte er als Stein, Pflanze oder in irgendeiner Gestalt erscheinen.

Sowohl Tod als auch Entwicklung sind Übergänge von einem Zustand in einen andern. Im Schamanismus sind beides positive Faktoren: Die Initiation erfolgt durch die Simulation des Todes: Dadurch kommt es zu einer engeren Verbindung mit der Materie; deren spezifische Eigenschaften darin besteht, Energie durch Selektion, Impregnation oder Infiltration zu übermitteln:

Fett Filz Schwefel Kupfer Eisen
Bienenwachs Blattgold Jod
Hasenblut
Honig


Text: Caroline Tisdall (Übersetzt von Peter Ernst)

  • James Joyce, “Finnegan’s Wake”, Edition Suhrkamp, Band 521, 1989
  • Beuyssnobiscum 147, FUNDUS Verlag der Kunst, mit einem Kommentar zur Neuausgabe herausgegeben von Harald Szeemann, ISBN 90-5705-063-3, 20 Autoren

12 Schlitten
Joseph Beuys 1969 [WP©]